«Die Wahrscheinlichkeit, dass etwas passiert, wird grösser»
Während eines Wiederholungskurses wird die Evakuation und Betreuung trainiert. Um die Abläufe zu optimieren gibt es auch Hilfe von aussen: Daniel Heer vom regionalen Führungsorgan überblickt die Übungssituation und gibt Verbesserungsvorschläge. Das Interview.
Daniel Heer bespricht mit dem zuständigen Zivilschutz-Offizier, wie man die Abläufe perfektionieren kann.
Es herrscht reges Treiben in dem sonst so kühlen Gemäuer der Zivilschutzanlage in Fislisbach. Eine Hand voll Seniorinnen und Senioren folgen – begleitet von Angehörigen des Zivilschutzes – der Ausschilderung in Richtung eines improvisierten Empfangs. Dort werden ihre Personalien sorgfältig aufgenommen und digital erfasst. Name, mögliche Allergien und auch welche Medikamente sie benötigen.
Damit übt die Zivilschutzorganisation Aargau Ost, wie sie im Ernstfall eine Evakuation durchführen können, bei der Personen auch unterirdisch, eben in einer Schutzanlage, einquartiert und anschliessend auch betreut werden müssen.
Doch eine anwesende Person fällt sofort auf. Anstelle des olive-orangen Zivilschutz-Tenüs trägt er dunkelblaue Kleidung, streng blicken seine braunen Augen hinter Brillengläsern hervor. «Bevölkerungsschutz» steht auf seiner Jacke, während er angeregt mit dem zuständigen Zivilschutz-Offizier diskutiert.
Seit diesem Jahr arbeiten die ZSO Aargau Ost und das regionale Führungsorgan enger zusammen. Der Herr in Blau, Daniel Heer, gehört dem RFO an und er schaut, wo bei der Evakuierungs-Evaluation die letzten Schrauben noch angezogen werden können, gibt den AdZS gleich direkt Feedback und erklärt seine Überlegungen gleich mit.
Daniel, stell dich kurz vor. Wer bist du?
Ich bin Daniel Heer und bin seit 2009 im regionalen Führungsorgan. Zuerst in Mutschellen, mit der Fusion Aargau Ost bin ich dann nach Wohlen gekommen. Beruflich arbeitete ich seit 1982 im Gesundheitswesen und wurde per Ende 2025 pensioniert.
Wie kamst du ins RFO?
Wir lebten früher in Unterägeri und während des Jahrhundertunwetters 2005 waren wir auch davon betroffen. Da merkte ich, dass ich gerne helfen möchte und als wir in den Kanton Aargau gezogen sind, schloss ich mich dem dortigen RFO an.
Aktuell arbeiten Zivilschutz und RFO enger zusammen. Welche Vor- und Nachteile siehst du darin?
Ich sehe eigentlich nur Vorteile. Ich habe beruflich kritische Situationen erlebt und da ist es immer besser, wenn man einander kennt und weiss, wer über welche Ressourcen verfügt. So kann man als Kollektiv effektiver handeln. Wege werden verkürzt und Doppelspurigkeit vermieden.
Als kleines, aber für mich wichtiges Beispiel: Bei früheren Einsätzen waren wir vom RFO etwa beim Essen oft auf uns gestellt. Heute versorgen uns die Köche der ZSO mit einem leckeren Zmittag. Das ist lässig und gibt einen Motivationsschub! Gerade seit Sandro Magistretti sein Amt übernommen hat, wurde all das viel, viel einfacher. Das gefällt mir!
Für Heer ist nicht nur wichtig, dass etwas geändert wird, sondern er erklärt auch gleich den Sinn dahinter.
Wie wichtig ist das breitgefächerte Milizssystem des Zivilschutzes im Krisenschutz?
Jeder Angehörige des Zivilschutzes kommt aus irgendeiner Sparte in seinem Alltagsleben mit eigener Berufserfahrung und seinem eigenen Netzwerk. Wenn man das in eine Krisensituation implementieren kann, ergeben sich nur Vorteile. Darum ist das Milizsystem so genial. Ich wüsste nicht, was daran negativ sein könnte.
Ist ein starker Bevölkerungsschutz wichtiger als noch vor fünf oder zehn Jahren?
Ja, dazu muss man nur auf die weltpolitische Entwicklung blicken. Man sieht, dass es immer unsicherer wird. Die Wahrscheinlichkeit, dass – sei das politischer Natur oder auf Grund einer Naturkatastrophe – etwas passiert, wird grösser.
Wenn es beispielsweise zu einer Strommangellage kommen sollte, das ist ja ein Szenario, was seit 2022 immer wieder ein Thema war, können wir als Gesellschaft nicht immer so Glück haben wie in den vergangenen Jahren. Wir hatten bisher Glück aber wir werden früher oder später in eine Krise schlittern. Und dann werden all die Konzepte, welche wir im RFO vorbereitet haben, angewendet und ausgeführt werden. Und das übrigens vom Zivilschutz. Darum ergibt eine engere Zusammenarbeit bereits jetzt Sinn: So kennt der Zivilschutz diese Konzepte bereits vorab und nicht erst im Ernstfall.
Wie könnte so ein Konzept aussehen?
Bleiben wir beim Stromausfall. Wir haben wenig Personal, keine Heizungen, keine Kochmöglichkeiten – und wir müssen uns um die Schwächsten der Gesellschaft kümmern. Also Kleinkinder und deren Mütter. Wo kann man diese unterbringen? Da haben wir Systeme vorbereitet, um Mütter und ihre Kinder an sogenannten Sammelpunkten in der Wärme mit Lebensmitteln zu versorgen. Da ist nur ein kleines Einzelbeispiel, welches aber im Bedarfsfall einen enormen Einfluss haben kann.
Was ist deine Aussicht auf die Zukunft? Was könnte noch besser ausgebaut werden?
Mehr wünsche ich mir nicht. Ich bin einfach froh, wenn der jetzige Status gehalten wird.
Die ZSO Aargau Ost übt mit Freiwilligen eine Evakuation - inklusive der Betreuung in einer Schutzanlage.