«Wir können mit weniger die grössere Leistung erbringen»
Mit der jüngsten Reorganisation im Bevölkerungsschutz Aargau Ost trägt ein Mann neu eine doppelte Verantwortung: Sandro Magistretti. Er ist seit längerem Kommandant der Zivilschutzorganisation (ZSO) Aargau Ost und seit Sommer 2025 zusätzlich Chef des Regionalen Führungsorgans (RFO). Zusammen bilden diese beiden Funktionen die Führungsspitze des Bevölkerungsschutzes im Gebiet Aargau Ost – von Fislisbach bis Uezwil und von Dintikon bis Berikon – mit rund 100’000 Einwohnerinnen und Einwohnern.
Bis 2027 soll die vollständige Zusammenführung von ZSO und RFO abgeschlossen sein. Im Zentrum steht dabei nicht nur eine organisatorische Veränderung, sondern ein Kultur- und Effizienzschritt: Synergien nutzen, Doppelspurigkeiten abbauen, Material- und IT-Strukturen modernisieren – und gleichzeitig die Einsatzbereitschaft stärken.
Im Interview erklärt Sandro Magistretti, was diese Neuerung konkret bedeutet, weshalb derzeit tonnenweise Material entsorgt wird und wie er seine neue Doppelrolle einordnet
Sandro, du leitest neu sowohl die ZSO Aargau Ost wie auch das Regionale Führungsorgan. Was ist der Kern dieser Neuerung?
Sandro Magistretti: Im Zentrum steht die Zusammenführung der beiden Führungsebenen des Bevölkerungsschutzes in Aargau Ost. Bisher hatten wir einerseits die Zivilschutzorganisation, andererseits das Regionale Führungsorgan. Seit dem Entscheid im Sommer 2025 trage ich beide Hüte: Kommandant der ZSO und Chef RFO.
Was sind die Hauptbestandteile dieser Zusammenführung in Aargau Ost?
Wir haben die Zusammenführung bewusst in vier grosse Bereiche gegliedert:
Umzug
Wir bündeln die Standorte neu und schaffen klare Führungsorte für den Einsatz- und Planungsstab.Materialbereinigung
Wir prüfen, was wir wirklich brauchen, was der kantonale Pflichtbestand verlangt und was schlicht veraltet oder überflüssig ist.Führungsunterstützung – Sortiment neu zusammenstellen
Die Mittel, mit denen wir den Führungsstab unterstützen – von Technik bis Infrastruktur – werden neu und einheitlich definiert.IT-Erneuerungen
Unsere IT hat die Systeme zusammengeführt und modernisiert. Teilweise, weil Produkte ihren Life-Cycle erreicht hatten, teilweise, weil die neue Struktur einheitliche Lösungen verlangt.
Diese vier Bausteine greifen ineinander. Am Schluss soll eine schlanke, robuste und gut koordinierte Führungsstruktur stehen.
Wie sieht die neue Standortstruktur konkret aus – oberirdisch und unterirdisch?
Oberirdisch wird die Wilstrasse 57 in Wohlen zum neuen Hauptstandort des Bevölkerungsschutzes Aargau Ost. Dort betreiben wir den zentralen Führungsstandort für den Einsatzstab und den Planungsstab. Das war früher der reine ZSO-Hauptstandort – jetzt wächst er zu einem echten Bevölkerungsschutz-Zentrum. Der bisherige RFO-Standort in Fislisbach wird in diesem Zuge aufgelöst.
Unterirdisch führen wir die RFO- und Zivilschutzführung in der Anlage Bünzmatt zusammen. Diese wird als unterirdischer Führungsstandort in «gleicher Konfiguration wie die Wilstrasse 57» betrieben.
Der grosse Vorteil: Wir müssen für Bünzmatt kein neues Material anschaffen. Wir können das bestehende Material vom bisherigen RFO-Standort in Fislisbach übernehmen. Das spart erhebliche Kosten – insbesondere für Ersatzbeschaffungen, die für die dortige veraltete Einrichtung und Technik nötig gewesen wären.
Das klingt nach einer grossen logistischen Operation. Welche organisatorischen Schritte waren und sind notwendig?
Ein wichtiger Schritt war die IT-Zusammenführung, die bereits im November 2025 erfolgt ist. Ohne gemeinsame IT kannst du keinen integrierten Bevölkerungsschutz betreiben.
Der zweite grosse Block ist die Materialbereinigung. In den letzten Tagen haben wir rund acht Tonnen Material entsorgt. Es handelt sich zum grossen Teil um abgelaufenes, nicht mehr brauchbares oder nicht mehr normkonformes Material: alte Gummistiefel, Regenmäntel, nicht gewartete Pressluftschläuche und generell Ausrüstung, die nicht mehr dem kantonalen Pflichtbestand entspricht.
Ersatzbeschaffungen wurden bereits gemacht – dort, wo sie zwingend nötig waren. Ein Teil des Materials darf zudem gar nicht an Dritte veräussert werden, das ist rechtlich klar geregelt.
Hinter der Entsorgung stecken immer auch taktische Überlegungen: Wir trennen uns konsequent von dem, was nicht mehr gebraucht wird. So schaffen wir Platz und Übersicht, um genau das Material sauber lagern zu können, welches der Kanton vorschreibt und wir im Ereignisfall wirklich benötigen.
Du sprichst von einer Portfoliobereinigung bei den Anlagen. Was heisst das konkret?
Der Kanton gibt vor, dass gewisse Anlagen im Gebiet aufgelöst oder umfunktioniert werden. Es handelt sich um eine Art Portfoliobereinigung im Infrastrukturbestand. Weniger, aber dafür sinnvoll genutzte und gut ausgerüstete Standorte – das ist die Idee.
Die Herausforderung ist allerdings: Wenn Anlagen aufgelöst werden, wird man nicht immer im gleichen Mass von den bisherigen Leistungs- und Infrastrukturvorgaben entlastet. Oder anders gesagt: Die Anforderungen bleiben hoch, auch wenn die Anzahl Standorte sinkt.
Das führt dazu, dass wir zum Teil Material innerhalb der Region herumtransportieren müssen, um an den verbleibenden Standorten die geforderten Leistungen sicherstellen zu können. Es ist ein Balanceakt zwischen schlanker Struktur und unverändert hoher Einsatzfähigkeit.
Was bedeutet deine neue Doppelrolle – Führung ZSO und Führung RFO – ganz persönlich für dich?
Für mich heisst das, dass ich aus dem bisherigen ZSO-Tagesbetrieb heraus nun noch stärker gesamtverantwortlich für den Bevölkerungsschutz im Raum Aargau Ost bin.
Praktisch gesehen vereinfacht die Doppelrolle vieles: Synergien, die früher über mehrere Ebenen und Zuständigkeiten abgestimmt werden mussten, kann ich nun direkt aus einer Linie heraus anstossen und umsetzen. Es gibt viele Personen im Bataillonsstab und im RFO mit sehr ähnlichen Aufgabenbereichen und Kompetenzen.
Wenn wir diese Ressourcen bündeln, erreichen wir unser Ziel:
Wir können mit weniger Personal die gleiche Leistung erbringen – ohne Qualitätseinbusse, dafür mit klareren Zuständigkeiten. Das ist insbesondere in Zeiten knapp bemessener Ressourcen ein entscheidender Vorteil.
Der Zusammenschluss ist im Kanton Aargau sicher beobachtet worden. Kann euer Modell ein Vorbild für andere Organisationen sein?
Das möchte ich nicht festlegen. Jede Region hat ihre eigene Struktur, ihre Kultur und ihre Geschichte im Bevölkerungsschutz. Was bei uns funktioniert, muss nicht automatisch überall passen.
Ich glaube aber, dass es für andere ZSO durchaus spannend ist, sich anzuschauen, wie es bei uns funktioniert: Wo nutzen wir Synergien, wie organisieren wir die Standorte, wie gehen wir mit Material und IT um?
Ob unsere Lösung am Ende zu einem «Standardmodell» wird, ist eine Entscheidung, die jede Region für sich treffen muss. Für Aargau Ost sind wir überzeugt, dass wir damit einen Schritt in die richtige Richtung machen – hin zu einem modernen, effizient geführten Bevölkerungsschutz, der im Ereignisfall schnell und koordiniert handeln kann.
Ausblick: Was steht bis 2027 noch bevor?
Bis 2027 wollen wir die komplette Zusammenführung von ZSO und RFO abgeschlossen haben. Das heisst: Die Standorte sind konsolidiert, die Materialbestände bereinigt und auf dem geforderten Stand, die IT läuft stabil, und die Führungsstrukturen sind eingespielt.
Wir sind mitten in diesem Prozess. Vieles ist bereits erreicht – etwa die IT-Zusammenführung und ein grosser Teil der Materialbereinigung. Andere Punkte wie die endgültige Standort- und Portfoliobereinigung beschäftigen uns noch intensiv.
Am Ende soll eine Organisation stehen, die sowohl im Alltag effizient arbeitet als auch im Ernstfall robust funktioniert. Daran messen wir uns.